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Datum: 16.10.2026

Im Fluss der Zeit - Geschichten rund ums Wasser

Ibbenbüren – überraschend wasserreich

20261016 - Im Fluss der Zeit - Geschichten rund ums Wasser
Idylle am Kanal (Foto: Stadtmarketing Ibbenbüren GmbH)

Ibbenbüren, 16. Oktober 2026. Viele Menschen verbinden Ibbenbüren mit dem mittlerweile stillgelegten Steinkohlenbergbau, sicherlich mit dem Hockenden Weib im Teutoburger Wald und der Großkirmes im September. Doch mit Wasser? Eher unwahrscheinlich. Dabei ist Wasser lebensnotwendig und auch in meiner Heimatstadt sehr präsent. Allerdings auf die westfälische Art - pragmatisch, realistisch und zurückhaltend. Ich lade euch ein zu einer Radtour, die zeigt wie überraschend „wasserreich“ der Ibbenbürener Süden ist.

Wir starten an der Groner Allee nahe der Ludwigkirche in Ibbenbüren, an der sich auch ein kostenloser Wanderparkplatz befindet. Also Räder gesattelt und wir folgen dem kleinen Flüsschen stadtauswärts. Die Ibbenbürener Aa bildet seit Menschengedenken das Ibbenbürener Tal, in dessen Niederung sich schon seit der Steinzeit Menschen niedergelassen haben. Das belegen zahlreiche Funde wie Großsteingräber mit so interessanten Grabbeigaben wie Angelhaken1 und ein Rasiermesser mit Schiffsdarstellung2. Wasser hat also auch bei unseren Vorfahren schon eine bedeutende Rolle gespielt. Kaum haben wir die letzten Häuser hinter uns gelassen, öffnet sich der Blick auf ein breites Tal, das ich bislang gar nicht solches wahrgenommen habe. Doch tatsächlich befindet sich hier zwischen Teutoburger Wald und Schafberg-Plateau das letzte Längstal der Deutschen Mittelgebirge3 bevor die norddeutsche Tiefebene beginnt. Auf dem gut ausgebauten Radweg radeln wir mit dem Wasser stromabwärts und lassen ganz entspannt den Blick über das weite Tal gleiten. Leider hat sich seit der Bronzezeit einiges verändert. Immer wieder wurde der Verlauf des Flüsschens verändert - sei es um einer Mühle Wasser zu geben, dem Land Wasser zu nehmen, um es als Acker zu nutzen oder Platz zu machen für Bebauung. Die schlimmste Veränderung, aus ökologischer Sicht, für die Aa kam mit dem Ibbenbürener Steinkohlenbergbau. Denn über Jahrhunderte wurde das stark salzhaltige Grubenwasser über den kleinen Wasserlauf abgeleitet. Dadurch stieg nicht nur die Wassermenge, die Salzfracht erstickte jedes Leben im Keim. Noch heute sehen wir die braunen Zuläufe, die die Hörsteler Aa, wie sie in diesem Abschnitt heißt, zu einem „toten“ Fluss machten. Nach Ende des Bergbaus in Ibbenbüren wird aktuell ein Grubenwasserkanal errichtet, der noch vorhandenes Grubenwasser darüber abführen soll. „In Folge des Grubenwasserkonzeptes wird die Menge des anfallenden Grubenwassers (…) um rund 80 Prozent sinken. In Verbindung mit der geringeren Mineralisierung bedeutet das, dass sich die in die Ibbenbürener Aa eingeleiteten Salzfrachten um bis zu 99 Prozent verringern.“4 Es scheint, als komme das kleine Flüsschen wieder zu „Luft“.

Nur wenige Radlängen weiter erreichen wir das DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst. Das ehemalige Zisterzienserinnenkloster aus dem 13. Jahrhundert wird heute vom Kreis Steinfurt als ein, weit über die Klostergrenzen hinaus bekanntes, Kunsthaus mit wechselnden Ausstellungen, Installationen und Veranstaltungen genutzt. Doch Kunst ist heute nicht unser Thema, wir radeln ja auf „Wasserspuren“, so bleiben wir an der Klostermühle stehen. Diese wurde erstmals 1262 als Wassermühle erwähnt und verrichtete ihr Werk bis zum Jahr 1974 auch als Getreide- und Sägemühle. Am 1. Januar 1975 trat die Gebietsreform in NRW in Kraft, bei der nicht nur aus zwei sich nicht wohlgesonnenen Kreisen einer wurde, die neue Kreisstadt dort entstand, wo schon das passende Gebäude stand und der „arbeitgebende Fluss“ für das Kloster, die Ibbenbürener Aa, weiträumig umgeleitet wurde5. So wurde der Mühle der „Hahn abgedreht“ und schlussendlich wurde 1988 der Mühlenbetrieb eingestellt. Heute kümmert sich ein Förderverein um die historische Mühle. Im Rahmen des Mühlentages am Pfingstmontag kann man die alte Mühle noch in Aktion erleben. Aber ob da auch noch der traditionsreiche Müllergruß „Glück zu!“ erklingt?

Hinter der Millionenbrücke, deren Namen möglicherweise auf die hohen Baukosten hinweist, radeln wir entspannt bergab und blicken auf „Wasser hoch drei“. Hier am „Nassen Dreieck“, dem Treffpunkt von Mittelland- und Dortmund-Ems-Kanal, befindet sich einer der wichtigsten Knotenpunkte für die Binnenschifffahrt, der Ruhrgebiet, Nordsee und die Elbregion Magdeburg miteinander verbindet. Entstanden mit dem Bau des Mittellandkanals, der längsten künstlichen Wasserstraße Deutschlands, gibt es heute rund um das „Nasse Dreieck“ einen Infopavillion, eine Aussichtsplattform, einen Imbissstand, ein Hochkreuz und einen Aussichtsplatz mit dem schönen Namen „Kleine Loreley“. Wir lassen das Nasse Dreieck und den Mittellandkanal hinter uns und folgen dem Dortmund-Ems-Kanal Richtung Südosten. Eingeweiht wurde der Dortmund-Ems-Kanal am 11. August 1899 vom Kaiser Wilhelm II. und war in vieler Hinsicht einmalig: erster großer gebauter Kanal Deutschlands, damals 4.500 Arbeiter und größte Baustelle Europas, fertig gestellt in nur sieben Jahren, 265 Kilometer Länge, 20 Schleusen, 200 Brücken, 1 Schiffshebewerk. Voran gegangen waren viele Widerstände gegen die Wasserstraße – wie Proteste anderer Steinkohlen-Reviere und ostelbische Sorgen um Obstabsatz. Doch der Wunsch des Kaisers, Deutschland zu einer Seemacht zu machen, brachte den Bau des Dortmund-Ems-Kanal voran und erstickte letzte Widerstände der „Kanalrebellen“, in dem diese in den Ruhestand versetzt wurden6. Und so begann die große Zeit der Binnenschifffahrt in Deutschland. Auf dem Uferradweg, ehemals Leinpfad für Pferde, die die Schiffe zogen, radeln wir entspannt durch die Münsterländer Parklandschaft. Zwischen den leuchtenden Rapsfeldern scheint uns von Norden immer mal wieder der Teutoburger Wald zuzuwinken, während im Süden Windräder Luftströme für Ökostrom einfangen.

In Ibbenbüren-Dörenthe treffen wir auf den weithin sichtbaren roten geklinkerten “Turm” des Kulturspeichers, der sich über fünf Etagen erstreckt und schon seit über 100 Jahren über den Kanal blickt. Heute ist dieser ehemalige Getreidespeicher Heimat für Kunst- und Kulturschaffende von nah und fern, die immer wieder zu Ausstellungen und Veranstaltungen einladen. Am Daßmannweg sehen wir am Wegesrand eine wasserbauliche Besonderheit, die manch einer unter Denkmalschutz stellen möchten: die Brunnengalerie Dörenthe. Diese gehörte zum Wasserwerk Dörenthe, das 1952 durch die PREUSSAG AG zur Deckung des Betriebswasserbedarfs des Kraftwerks Ibbenbüren gebaut wurde. Hier wurde Wasser der Glane über Erdteiche versickert und so das Grundwasser in Dörenthe angereichert. Nach dem Neubau des Wasserwerks wird nun das Wasser dem Dortmund-Ems-Kanal entnommen und über 23 neu gebaute Förderbrunnen schonend und umweltverträglich aufbereitet. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Technik, die jeweils auf 1 m Breite und sagenhaften 50 m Länge das Wasser immer wieder filtert, vermischt und schließlich der Trinkwasserversorgung des WTL zuführt. Das alles geschieht unterirdisch in dem neuen Brunnenfeld. Wir sehen heute nur noch die ausgedienten Erdteiche der alten Brunnengalerie, die sich wie Perlen auf einer Schnur aufreihen.

Nach der kleinen Bergetappe über den Teuto sind wir wieder im Ibbenbürener Tal angekommen und radeln entlang der Aa, die hier offensichtlich in ein enges Bett gezwängt wurde. Doch nicht mehr lange, denn die Stadt Ibbenbüren plant in Höhe des Ostrings, die Aa zu renaturieren und dadurch den ökologischen Zustand der Aa und des Aasee zu verbessern sowie die biologische Vielfalt zu erhalten7. Nicht nur die Aa soll ihre Natürlichkeit zurückbekommen, auch der Ibbenbürener Aasee soll weiter aufgewertet werden. Was damals in den 1970er Jahren als Regenrückenhaltebecken angelegt wurde, hat sich heute zu einem beliebten Ausflugs- und Freizeitziel für Ibbenbürener und Besucher entwickelt. Ob Spielplätze, Ruhebänke, Skatepark, Dirtbike-Anlage, Tretboot-Verleih oder Beachclub am Südufer - der Aasee bietet Action und Entspannung für Jung und Alt. Nur Schwimmen ist in den See nicht erlaubt, dafür gibt es aber nur einen Steinwurf entfernt das Ibbenbürener Aaseebad.

Diese 34 km lange Radtour liegt auf dem Radwegenetz NRW und ist somit komplett ausgeschildert. Start ist am Knotenpunkt 5, nahe der Ludwigkirche in Ibbenbüren. Dann 45 – Richtung 44 – an der Millionenbrücke wechseln auf „Dortmund-Ems-Kanal-Route“ – bis Daßmannbrücke, Ibbenbüren-Dörenthe –Kanalradweg verlassen – Richtung KP 15 – 14 – 3 – 4 – Ziel 5. Außer einer Steigung über den Teuto verläuft die Tour auf flachen Wegen. Und beinahe die ganze Strecke begleitet uns Wasser - sei es als kleines Flüsschen, bedeutende Wasserstraße, Erdteiche zur Wassergewinnung oder als attraktives Regenrückhaltebecken. Ibbenbüren zeigt sich überraschend wasserreich und lädt zum entspannten Radeln „Am Fluss“ ein. Entdeckt es selbst oder meldet euch bei mir, wir radeln gemeinsam durch das „wasserreiche“ Ibbenbüren.

Quellen:
1 Westfalen in der Bronzezeit, Herausgegen von Daniel Bérenger und Christoph GrüneWald, S. 69ff, Ein Angelhaken als Grabbeigabe: Ibbenbüren „Auf‘m Trüssel“ – Jürgen Gaffrey
2 Westfalen in der Bronzezeit, Herausgegen von Daniel Bérenger und Christoph GrüneWald, S. 120 ff, Ein Rasiermesser mit Schiffsdarstellung aus dem Gräberfeld „Auf’mTrüssel“ – Jürgen Gaffrey
3 Die heutigen geohydrologischen Verhältnisse des Ibbenbürener Tales im nördlichen Münsterland, S. 3, Gerhard Keller 1981
4 https://www.rag-stiftung.de/ewigkeitsaufgaben/ibbenbueren/
5 https://www.hoerstel.de/portal/seiten/klostermuehle-gravenhorst-900000095-24251.html
6 https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag4344.html
7 https://www.ibbenbueren.de/Bauen-und-Wohnen/Umwelt-und-Klimaschutz/Aarenaturierung-und-naturnaher-Sandfang/

Susanne Plake, geboren 1969 in Ibbenbüren, verheiratet und zwei erwachsene Töchter, arbeitet bei der Tourist-Information der Stadtmarketing Ibbenbüren GmbH. In ihrer Freizeit ist sie gemeinsam mit ihrem Mann in und um Ibbenbüren unterwegs und entdeckt die Heimat vor der Haustür. Für die Stadtführer Ibbenbüren e. V. bietet sie Stadtführungen und unter dem Motto „Unterwegs vor der Haustür“ Radtouren und Wanderungen an.

Hinweis: Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Jahrbuch Kreis Steinfurt 2026.

Quelle: Stadtmarketing Ibbenbüren GmbH