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Datum: 09.06.2020

Musikschule: Kreativ gegen Corona

Viele Erfahrungen im Umgang mit den Folgen der Pandemie gesammelt - und einen Teamgeist besonderer Art gewonnen

Musikschule: Kreativ gegen Corona
Liveatmosphäre, Gesichtskontakt, zu hören ist alles einwandfrei - und eine Plastikfolie sorgt auf beiden Seiten für Sicherheit: Einblick in den coronabedingt modifizierten Unterricht in der Städtischen Musikschule Ibbenbüren (Foto: Stadt Ibbenbüren / André Hagel)

Ibbenbüren, 9. Juni 2020. Not macht erfinderisch, heißt es. Erfindungsreichtum verlangt die Corona-Pandemie, die noch keinesfalls Vergangenheit ist, seit dem März vielen ab. Gerade auch jenen, die von Berufs wegen zu den kreativen Branchen zählen. So wie dem Team der Städtischen Musikschule Ibbenbüren – Hörstel – Recke um deren Leiter Peter Nagy.

An Freitag, den 13. März, hat Nagy noch wache Erinnerungen: „Ich habe unsere Lehrkräfte nach Hause geschickt, da wir an dem Tag wegen Corona den Betrieb heruntergefahren haben“, schildert er. Vor drei Wochen hat die Musikschule im Zuge von Maßnahmenlockerungen Kleingruppenunterricht mit je bis zu sechs Teilnehmern anlaufen lassen. Dazwischen lagen Wochen voller Turbulenzen, schneller, findiger Regelungen und neuer Erfahrungen für das Team und die Musikschüler.

Schnell reagiert

„Die größte Herausforderung war, aus dem Stand Fernunterricht anlaufen zu lassen“, blickt Peter Nagy auf den Neustart inmitten neuer Normalität zurück. „Die digitalen Grundlagen dafür waren gegeben, denn wir hatten uns bereits an entsprechende Konzepte gemacht.“ Nach dem Herunterfahren folgten schnell Videokonferenzen und so manche Nachtarbeit. Nach knapp zwei Wochen war das alternative, digital unterstützte Unterrichtskonzept auf die Beine gestellt (siehe „Zum Thema“).

Kreativ wegen Corona, kreativ gegen Corona – dabei half Nagys Team ein Stufenmodell, das der Bundesverband der Musikschulen entwickelt hat. Dieses wurde auf die örtlichen Bedürfnisse in Ibbenbüren heruntergebrochen, hier und dort angepasst und modifiziert, feingeschliffen. Ergebnis: ein Konzept für Schritte aus dem Corona-Ausnahmezustand heraus, 21 Seiten stark. „Man muss klar vor Augen haben: Alle Maßnahmen – ob nun für Einzel- und Gruppenunterricht oder das Orchester – hängen miteinander zusammen“, beschreibt der Musikschulchef die besondere Herausforderung. Für den Kleingruppenunterricht wurde zum Beispiel das Jugendsinfonieorchester gestückelt. Stundenpläne wurden entsprechend umgestrickt, Raumbedingungen geprüft. Eine Kooperation mit der VHS, der Stadtbücherei Ibbenbüren und der Stadtmarketing Ibbenbüren GmbH half, in puncto Unterrichtsräume wie auch bei der Entwicklung innovativer Veranstaltungsformate Übergangslösungen zu schaffen.

Corona fordert Flexibilität

Was den Weg aus der Corona-Krise angeht, befindet sich die Städtische Musikschule laut Konzept mit der Wiederaufnahme des Gruppenunterrichtes in gewissen Konstellationen in der Phase 2, genauer gesagt aktuell an deren Ende. Die erste Phase bestand ausschließlich aus Einzel- und Partnerunterricht. In der dritten Phase werden dann größere Gruppenformate mit mehr als sechs Teilnehmern, der Grundstufenunterricht und alle Kooperationsangebote wiederaufgenommen werden können. Erst danach wird das gesamte Musikschulleben – mit Konzerten, Veranstaltungen und Aufführungen – wiederhergestellt sein. Die Phasen sind, jeweils in Reaktion auf die weitere Entwicklung der Pandemie, zeitlich flexibel gehalten.

„Für die Schüler war es vielleicht von ihren Erfahrungen in der Schule her leicht, den Einstieg in die digital unterstützten Unterrichtsmodelle zu machen. Aber sie freuen sich, dass Schritt für Schritt wieder soziale Kontakte in der Musikschule möglich sind“, berichtet Nagy. Selbst wenn die Schüler acht Wochen lang zu Hause in digitaler Form gleichsam Privatunterricht erhielten, mit intensiver, engmaschiger Kommunikation zwischen Dozent und Schüler – was in einigen Fällen zu echten Lernschüben geführt hat. Denn: „Es geht digital einiges. Aber Musikunterricht nur noch digital, das wäre schwer vorstellbar“, sagt der Leiter der Musikschule. „Nicht nur wegen kontraproduktiver Verzögerungen im Livestream. Auch zum Beispiel wegen des Klanges von Tönen in der Übertragung. Zudem ist ein Videochat in gewisser Hinsicht statisch, anders als das ,Livegespräch‘ im Unterricht.“

Bewährtes wird bleiben

Wie in vielem anderen, herrscht auch in Sachen Musikunterricht in Deutschland ein bunter Flickenteppich coronabedingter Regelungen. Je nach Bundesland gelten unterschiedliche Bedingungen: In Niedersachsen etwa ist aktuell kein Blasunterricht möglich, ebenso wenig Gesang. In Nordrhein-Westfalen ist derzeit wieder beides möglich. „Einige unserer Dozenten, die hier wie dort arbeiten, mussten die parallelen Regelungen im Auge behalten“, lächelt Peter Nagy. Als Musiklehrer quasi zwei Leben führen – auch diese Erfahrung bescherte die Pandemie seinem Team.

Trotz allem Ungewünschten: Es war, ist und bleibt eine Zeit auch positiver Erfahrungen, bestätigt der Kopf der Städtischen Musikschule. Einiges von dem, was durch die pandemiebedingten Notwendigkeiten angestoßen wurde, wird sich, wenn endlich wieder ein voller Normalbetrieb möglich sein wird, sicherlich erhalten – weil es sich bewährt hat: „In den Basics sind wir fast schon routiniert. Wir haben sogar schon einen Unterrichtsraum per Videokonferenz umgebaut“, schildert Nagy, am verwaisten Konferenztisch in seinem Büro sitzend, vor sich leere Stühle, hinter sich ein an der Wand aufgestelltes Marimbaphon. „Videokonferenzen im Team wird es auch in Zukunft geben. Das spart einfach Sprit und Zeit.“

„Alle halten zusammen“

Die wertvollste Erfahrung? Nagy muss nicht lange überlegen. Das Wertvollste ist für ihn ein sogar ein gleich Mehrfaches: „Dass wir neues Potenzial bei Lehrkräften erkannt haben. Dass wir auf Einsatzbereitschaft und Engagement setzen können, wenn es darauf ankommt, bei festen wie freien Mitarbeitern – auch das war eine ganz tolle Erfahrung“, erklärt er. „Die Pandemie mit allen ihren Konsequenzen hat bei uns einen ,Corona-Spirit‘ geschaffen: Alle halten zusammen – und machen möglich, was möglich ist.“

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Im Zuge der Corona-Krise ist die Städtische Musikschule zügig neue Wege gegangen, um ihren Schülern auch ohne körperliche Präsenz ein Unterrichtsangebot bieten zu können. Dabei spielten Smartphone, Tablet & Co. mit allen ihren Möglichkeiten eine zentrale Rolle. Ab der behördlich angeordneten Schließung wurde in der Musikschule fleißig per Videochat konferiert und digital konzipiert. Im Fokus stand dabei die Herausforderung, alternative Unterrichtskonzepte zu entwickeln, die gleichermaßen für alle Fächer, alle Schüler sowie für alle beteiligten Lehrkräfte anwendbar waren.

Die Lösung war ein Medien-Mix. Im häuslichen Umfeld wurde mehrkanalig gelernt. Ein Videochat wurde angeboten. Parallel wurden Online-Angebote auf der Website der Musikschule (www.musikschule-ibbenbueren.de) bereitgestellt. So konnten Kinder der Musikalischen Früherziehung ihre Lehrer in einem YouTube-Video erleben, mitsingen und mittanzen. Begleitend konnten Apps und Computerprogramme genutzt werden, um beispielsweise zu einem bekannten Song zu spielen oder einen virtuellen Rundgang durch ein echtes Sinfonieorchester zu machen. Die Stadtbücherei Ibbenbüren begleitete Videoproduktionen für die Musikschule.