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Datum: 07.08.2020

Eindrücke von den Dreharbeiten zu »Lese-Kids Spezial«

Hans Lohmar im Vorlese-Einsatz / Mit sanfter Stimme die Märchenbotschaft herausgekitzelt

Eindrücke von den Dreharbeiten zu »Lese-Kids Spezial«
Passionierter Leser und Vorleser: Hans Lohmar am Rande der Aufnahmen zu »Des Kaisers neue Kleider«, das demnächst bei »Lese-Kids Spezial« ausgestrahlt wird (Foto: Stadt Ibbenbüren / André Hagel)

Ibbenbüren, 7. August 2020. Das Ansteckmikro sitzt fest und sicher am Hemd. Der Ton geht gut durch. Alles klar? Nein, noch nicht ganz. „Kann ich noch etwas mehr Licht haben?“, fragt Hans Lohmar freundlich in die Runde. Gleich soll er in die Kamera hinein Hans Christian Andersens berühmtes Märchen von des Kaisers neuen Kleidern vorlesen. Wer für Publikum liest, braucht einen klaren Kontrast auf dem Papier. Gutes Licht lässt Gedrucktes schärfer hervortreten. Schattenwurf aufgrund mangelnder Ausleuchtung kann es wischig machen. Das erschwert die Wortarbeit unnötig.

Hans Lohmar gehört zum Team jener Literaturbegeisterten, die dafür sorgen, dass Samstag für Samstag das Internet-TV-Format „Lese-Kids Spezial“ auf www.ibbstream.de frische Geschichten für Junioren mit gespitzten Ohren liefert. Die Vorlesereihe hält die Stellung für den beliebten Ibbenbürener Ohrenbär, der wegen der Corona-Pandemie und den mit ihr verbundenen Einschränkungen momentan pausiert. Die Stadtbücherei Ibbenbüren und die Stadtmarketing Ibbenbüren GmbH haben Ende Mai zusammen „Lese-Kids Spezial“ an die Startlinie geschoben. Das Online-Format läuft seitdem munter vor sich hin, hauptsächlich mit Lesungen, zwischendurch aber auch mit Kindertheater und anderem. Die Reihe ist inklusiv – Vorgelesenes wird auf dem Bildschirm parallel in Gebärdensprache übersetzt.

Nach neuen Aufgaben gesucht

Hans Lohmar gehört seit fünf Jahren zur Ohrenbär-Equipe. Darüber hinaus liest er regelmäßig in Kindergärten und Schulen vor. Der ehemalige Kaufmann aus dem Brandschutzwesen ist sozusagen auf literarischer Mission für die junge Generation, auch wenn er selbst das nie so formulieren würde. „Ich habe nach neuen Aufgaben gesucht“, erzählt der Rentner und Witwer am Rande der Einsprech-Session in dem improvisierten Aufnahmestudio, welches an diesem temperaturflotten Augusttag in einer schattigen Ecke der Stadtbücherei seinen Platz gefunden hat.

Dass Lohmar, Achtung, einundneunzig ist, sieht man ihm nicht an. Auch nicht auf einen zweiten Blick. Gut, der Bart ist grau – dafür aber das wenngleich im Stirnbereich etwas lichtere Haupthaar kräftig dunkel. Der Vorleser wirkt aus sich heraus agil. „Er kommt bei den Kindern im Ohrenbär sehr gut an“, hat Stadtbücherei-Leiterin Dagmar Schnittker, die an diesem Tag den Studioaufbau übernommen hat, im Vorfeld berichtet. Verschmitzt lächelnd nimmt Lohmar das Kompliment entgegen, eher als in den frühen Achtzigerjahren stehend durchzugehen denn für jenseits der neunzig zu gelten, und sagt freundlich und erheitert danke. Manchmal blitzt es aus seinen Augen.

Sanfte Intonation erzeugt Hörgewinn

Ihm danach zuzuhören, wie er bei laufender Kamera durch Andersens Märchen führt, ist die reine Freude. Hans Lohmar liest mit weicher, überaus angenehmer Stimme. Seine Betonungen in den Textpassagen sitzen immer genau und gekonnt. Er verleiht mit seiner Stimme dem Gelesenen Akzent, auf hörbuchreife Art und Weise. Das Sanfte seiner Intonation legt sich dabei subtil unter den Textlauf des ironischen Märchens vom Kaiser, der am Ende peinlich nackt dasteht und das ausgerechnet von einem unbekümmerten Kind attestiert bekommt. Es ist ein Märchen über die Dummheit, Eitelkeit und Selbstverliebtheit von Macht, aber auch darüber, wie diese Macht andere zu korrumpieren vermag. Es hat Botschaft. Lohmar kitzelt das entlarvende Moment mit seiner Stimme aus der Geschichte heraus. „Welch ein Muster! Welche Farben!“, lässt er die Untergebenen des blasierten Herrschers angesichts imaginärer Prachtkleider verzückt ausrufen – weil man weiß, dass doch alles Lüge ist, möchte man spontan loslachen. Es wird das Vergnügen der jungen Zuhörer Hans Lohmars sein, wenn sie das Märchen eigener Klasse von ihm online präsentiert bekommen und gemeinsam mit ihm bis zur Auflösung gelangen. „Es ist ein Märchen mit frechem Ende“, freut der Geschichtenerzähler sich am Rande der Aufnahmen, das Geschehen um des Kaisers neue Kleider zu Leben erwecken zu können.

„Ich komme aus einer kinderreichen Familie, und unsere Mutter hat uns viele Märchen vorgelesen. Überhaupt wurde in unserer Familie viel gelesen“, verschafft Lohmar dem Fragenden am Rande der Aufnahmen Einblick in eine frühe literarische Prägung. Eben hat er noch die Nachfrage, ob er selbst eifriger Leser sei, mit einem lachenden „Jein!“ beantwortet und die sekundenlange Verblüffung seines Gegenübers genossen. Denn dass dieser Mann ohne Publikum keinen Wörterkontakt haben sollte, erschiene doch… nun ja, allzu märchenhaft. „Ich lese gerne Krimis“, lächelt Lohmar, „auch Biografien und gerne viel über fremde Länder – denn ich reise viel. Nun gut, momentan reise ich wegen Corona sicherlich weniger.“ Als er beim Ohrenbär einstieg, führt er aus, war gerade die Kindergeschichte vom Grüffelo groß angesagt, die seitdem zu einem Klassiker für Kurze geworden ist. Lohmar fand sich in diese subtile Geschichte ebenso ein wie in Verbrechen und Aufklärung, anderer Menschen Lebensläufe und Berichte über ferne Länder.

Guter Lauf – mit Vergnügen

Nach gut zwanzig Minuten hat Hans Lohmar Andersens Märchen mit Bravour zu ihrem Ende geführt. Für alle Beteiligten im Studio war sein Einsatz ein unterhaltsames Erlebnis. Die jungen Zuschauer von „Lese-Kids Spezial“ können sich schon jetzt auf die Ausstrahlung freuen. Die wird allerdings noch etwas dauern, denn zunächst geht das, was Lohmar eingesprochen hat, zu einer Gebärdendolmetscherin nach Münster. Führ ihre gestische und filmische Zuarbeit braucht es gut eine Woche. Dann folgen noch Kleinigkeiten der Postproduktion, bevor der fertige Beitrag auf den Sendeplan gehoben werden kann.

Der Sprecher mit Hörbuchformat hat derweil an diesem Tag noch anderes vor. „Wir könnten noch das Märchen von dem Mädchen mit den Schwefelhölzern aufnehmen“, bietet er an, nachdem die Kamera in den Standby-Modus gewechselt ist. Auch diese Geschichte Andersens hat Lohmar drauf. Und wo er doch gerade sowieso einmal da ist… Die Kamera geht wieder auf Aufnahme. Hans Lohmar macht weiter. Er hat einen guten Lauf. Mit Vergnügen.

Das Livestream-Programm „Lese-Kids Spezial“ läuft an jedem Samstag um 11 Uhr im Internet auf www.ibbstream.de. Die Beiträge können ausschließlich live verfolgt werden. Es findet aus rechtlichen Gründen keine Archivierung oder Wiederholung statt.