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Datum: 26.03.2020

Veronika Eichwald ist bei der Stadt Ibbenbüren die erste Auszubildende in Teilzeit

Debütantin in Sachen familienorientierten Berufsstarts

Veronika Eichwald ist bei der Stadt Ibbenbüren die erste Auszubildende in Teilzeit
»Ob Vollzeit oder Teilzeit - in jedem Fall voll spannend«: Ausbildungsleiterin Andrea Guhe (links) mit Teilzeit-Azubi Veronika Eichwald (rechts) (Foto: Stadt Ibbenbüren / André Hagel)

Ibbenbüren, 26. März 2020. Veronika Eichwald hat eine ganze Menge zu wuppen. Sie hat einen Mann und einen vierjährigen Sohn, sprich eine Familie und einen Haushalt. Und die 29-Jährige hat vor einem halben Jahr bei der Stadt Ibbenbüren eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten begonnen.

Den Nachwuchs zum Kindergarten bringen, ihn wieder abholen, zu Hause nach dem Rechten sehen, gemeinsam mit ihrem Ehemann die kleine Familie am Laufen halten, sich in einen neuen Beruf hineinfinden…: Wer so viel auf einmal um die Ohren hat, braucht ein gutes Zeitmanagement. Veronika Eichwald hat eines. Ihr kommt dabei entgegen, dass die Stadt Ibbenbüren seit dem vergangenen Jahr den Ausbildungsgang zur Verwaltungsfachangestellten in Teilzeit anbietet. Die junge Mutter ist die Erste, die von diesem besonderen Angebot Gebrauch macht. Veronika Eichwald ist eine Debütantin in Sachen modernen, familienorientierten Ausbildungswesens.

„Zeit ist für mich und in meiner familiären Situation ein großes Thema, klar“, sagt Eichwald, wenn sie ihren Tagesablauf aufzählt. Ihre erste Ausbildung machte die Rheinenserin zur Fotografin. „Freitags und samstags auf Hochzeiten fotografieren, saisonweise an jedem Wochenende arbeiten, oft auch bis spät – das war sehr taff, ich war sehr eingespannt“, blickt sie zurück. In der Elternzeit kam dann das große Nachdenken: Wäre der Beruf der Fotografin auf Dauer wirklich mit ihren Vorstellungen von einem erfüllten Familienleben vereinbar? Die junge Frau machte eine Rechnung auf: Sie stand bereits mitten im Leben, hatte einen Job, eine Familie – und entschied sich, trotz allem einen beruflichen Neustart anzugehen. Sie begann sich nach Ausbildungsmöglichkeiten in Teilzeit umzuschauen, stieß bei ihren Recherchen schließlich auf das neuartige Angebot der Stadt Ibbenbüren, machte sich zur Arbeit in einer Verwaltungsbehörde schlau. Am Ende stand der Entschluss fest, sich bei der Stadt Ibbenbüren zu bewerben. Ihr mutiger Schritt in Neuland hinein wurde von Erfolg belohnt. Sie wurde angenommen.

Für ihren Ausbildungsgeber, die Stadt Ibbenbüren, passte Veronika Eichwald genau ins Zielgruppenschema, was das neue Angebot für Azubis angeht: „Menschen mit Kindern und in der Kindererziehung, Leute, die Angehörige pflegen, auch Menschen, die aufgrund einer anerkannten Schwerbehinderung Interesse an einer Ausbildung in Teilzeit haben könnten – diese Personengruppen hatten wir im Auge, als wir uns an die Konzeption machten“, erklärt Andrea Guhe, Ausbildungsleiterin bei der Stadt Ibbenbüren. „Für uns ist dieses Ausbildungsangebot zum einen eine neue Möglichkeit, fachlichen Nachwuchs anzusprechen. Zum anderen sind wir als öffentlicher Arbeitgeber natürlich in einer Vorreiterrolle, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft.“

Im vergangenen Jahr ging die städtische Versuchsrakete an die Startrampe. Die Testmission entpuppte sich als Erfolg: Für den Ausbildungsstart 2020 liegen bereits 15 Bewerbungen für eine Ausbildung in Teilzeit vor. „Das zeigt deutlich den Bedarf. Flexible Arbeitszeiten, die mit dem Teilzeitmodell verbunden sind, sind für Menschen in bestimmten Lebenssituationen einfacher handhabbar“, sagt Guhe. Das neue Azubi-Angebot der Stadt soll deswegen ein stetiges, möglichst auch auf andere Ausbildungsgänge als den zum Verwaltungsfachangestellten ausgeweitet werden. Dabei muss man nicht, wie Veronika Eichwald, in seinen Lebensjahren schon etwas fortgeschritten sein, findet die städtische Personalexpertin: „Eine Ausbildung in Teilzeit funktioniert auch als Einsteigerausbildung.“ Gerade die Jungen sieht die Ausbildungsleiterin hierbei als die Pioniere der Digitalisierung, welche sich Verwaltungen aufs Banner geschrieben haben. Guhe: „Ob Vollzeit oder Teilzeit – das ist in jedem Fall voll spannend.“

Was sie allerdings auch weiß: Die bislang recht kurze Geschichte der Ausbildung in Teilzeit ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Oder besser: voller Vorurteile. „Viele glauben, eine Ausbildung in Teilzeit sei auch eine längere Ausbildung. So wie viele meinen, dass es in Teilzeit letztlich weniger Geld für die Azubis gebe“, hat Andrea Guhe in Gesprächen erfahren. Beides ist falsch. Richtig ist: Auch die Ausbildung in Teilzeit dauert drei Jahre. Für das Arbeiten im Rathaus gilt dann allerdings die 30-Stunden-Woche; die Unterrichtszeit bleibt gleich. Und: Teilzeit-Azubis bekommen dieselbe Ausbildungsvergütung wie diejenigen in Vollzeit. „Letztlich ist die Ausbildung in Teilzeit allgemein noch zu wenig bekannt“, macht die Personalexpertin der Stadt Ibbenbüren die Gründe für die Vorurteile hierzu aus. Aber das ist ja jetzt geklärt.

Zurück zu Veronika Eichwald. Das mit den gängigen, generellen Vorurteilen zur Verwaltungsarbeit – langweilig, spröde, staubig, Akten lochen von morgens bis abends – hat sie nach ihren ersten persönlichen Recherchen ohnehin nie geglaubt. „Und ich kann es auch jetzt nicht bestätigen“, lacht sie. „Es gibt vielmehr viele unterschiedliche Situationen, auf die man sich einstellen muss. Neue Erfahrungen, die man macht. Viel Neues, das man entdecken kann. Aktenlochen gehört nicht dazu.“ Für die junge Frau aber mindestens ebenso wichtig: Die Hoffnungen, die sie mit einer Ausbildung in Teilzeit verband, haben sich erfüllt. „Meine Arbeit ist jetzt wirklich kinder- und familienkompatibel“, freut sie sich. Eichwald ist sogar betont positiv überrascht, schildert sie: „Dass diese Ausbildung in der Praxis in so starkem Maß frei gestaltbar ist, hätte ich nicht gedacht.“ Ihr persönliches Fazit: Alles richtig gemacht. Die Teilzeit ist ein voller Erfolg. Fürs Kind. Für die Familie. Und für sie selbst.