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Datum: 12.11.2020

Coronabedingte Lernrückstände: Besondere Förderung für Grundschüler

Kein Kind zurücklassen / Hohe Motivation bei jungen Teilnehmern

Schule Lernen Mathe Hausaufgaben
Extra ran: Einige Ibbenbürener Grundschüler leisten in diesen Wochen ein zusätzliches Lernpensum, um persönliche, pandemiebedingte Rückstände aufzuarbeiten (Symbolfoto). (Foto: Stadt Ibbenbüren / André Hagel)

Ibbenbüren, 12. November 2020. Wer an einigen Tagen der Herbstferien an der Ibbenbürener Michaelschule vorbeikam, sah schnell zweimal hinüber. Schien doch, aller schulfreien Zeit zum Trotz, in einigen Räumen Unterricht stattzufinden. Wer in diesen Wochen samstags das Gelände der Grundschule passiert, kann einen ähnlichen Eindruck gewinnen – und liegt damit gar nicht falsch. Kinder sind vorhanden. Zumindest einige. Lehrkräfte auch. Gelernt und gelehrt wird ebenfalls.

Was dort noch bis in den Dezember hinein vonstattengeht, ist allerdings kein regulärer Schulunterricht, sondern Teil eines Landesförderprogramms, an welchem sich die Stadt Ibbenbüren im Sinne von Kindern und Eltern beteiligt. 80 Prozent der Mittel stellt das Land Nordrhein-Westfalen, die Stadtverwaltung steuert 20 Prozent hinzu. Es geht darum, durch ein Extra-Bildungsangebot solche Grundschüler zu unterstützen, die durch die pandemiebedingten Schulschließungen der Vergangenheit Lernrückstände entwickelt haben. Extra bedeutet in diesem Fall: freiwilliges Extra-Lernen an Extra-Tagen. Eben in den Ferien sowie an den Samstagen, die ansonsten eigentlich unterrichtsfrei sind.

Vielfältige Problemlagen

Als wegen der Covid-Pandemie die Schulen schlossen und sich ersatzhalber auf das Lernen der Schüler zu Hause verlegten, waren alle Verantwortlichen bemüht, „Unterricht auf Distanz in Corona-Zeiten möglichst lernförderlich umzusetzen“, heißt es in einer Erklärung des NRW-Schulministeriums. Dass das nicht überall so glückte wie erhofft, hatte verschiedene Ursachen. „Zum einen waren es sprachliche Probleme. Nichtmuttersprachliche Eltern haben nicht genügend Sicherheit, ihren Kindern den Stoff nahezubringen oder sie hierin zu unterstützen“, erklären Beate Pohl und Birgit Saatkamp die Gemengelage. Pohl ist Leiterin der Michaelschule, an welcher der Extra-Unterricht konzentriert für alle Ibbenbürener Grundschulen stattfindet. Saatkamp steht dem städtischen Fachdienst Schulen und Sport vor. „In anderen Fällen arbeiten die Eltern ganztägig, oder es fehlt zu Hause einfach eine soziale Lernumgebung. Auch dass Kinder ihre Mitschüler und vor allem Lehrer vermissten, konnte den Ausschlag für individuelle Lernrückstände geben“, fächern die beiden die Problemlage weiter auf. Die sich hieraus ergebende pädagogische Herausforderung: Es galt, bei den betroffenen Schülern auf andere Weise zu festigen, was daheim nicht ausreichend gefestigt werden konnte.

Es ist nur eine Minderheit der Ibbenbürener Grundschulkinder, die aufgrund der Lockdown-Situation und damit verbundener Benachteiligung einen Förderbedarf haben. Letztlich geht es aber auch hier darum, niemanden zurückzulassen – eine alte Maxime der US-Marines, die sich inzwischen als Leitlinie ebenso vielerorts in der Schulpädagogik durchgesetzt hat: Kein Kind soll zurückbleiben, kein Kind zurückgelassen werden. Und so machten sich die Verantwortlichen von Schulen und Stadt daran, diejenigen Steppkes zu ermitteln, bei denen eine Extra-Portion Unterstützung angezeigt war.

Gut angekommen – gut angenommen

Die hierauf angesprochenen Eltern seien geradezu auf das Angebot angesprungen, berichtet Birgit Saatkamp. Der Bedarf war deutlich. Am Ende standen vier Gruppen mit jeweils maximal 12 Kindern aus allen acht Grundschulen der Stadt – jedes Kind mit unterschiedlichen Bedürfnissen, für die es eine Planung zu erstellen galt.

Partner von Stadt und Schulen, was Konzeption und Projektorganisation der Extra-Lernschichten angeht, ist Maria Kruses Unternehmen PLE Mobil, spezialisiert auf Prävention, Lerntherapie und Ergotherapie. Kruse und ihr Team arbeiten seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen Schulen zusammen. Vier Kolleginnen hat die Mettingerin für das Förderprojekt an der Ibbenbürener Michaelschule im Einsatz.

Pensum nicht von Pappe

„Wir orientieren uns in unserer Arbeit mit den Kindern an den Grundthemen der Lehrpläne und händigen dazu zusätzliches Material aus“, erläutert die Lern- und Ergotherapeutin Kruse das, was in den Herbstferien angelaufen ist. „Die Lehrer zeigten an, wo bei einzelnen Schülern Förderbedarfe bestehen.“ Die jeweiligen Themen, führt sie aus, werden innerhalb von Kleingruppen individuell abgearbeitet. Frontalunterricht wäre bei solch heterogenen Gruppen schwierig – was die Kinder bilden, lässt sich eher als Lerninseln im gemeinsamen Raum beschreiben. Kruse: „Das klappt erstaunlich gut. Die Kinder sind hochmotiviert. Sie sind auch froh, bestimmte Sachen nochmal nachfragen zu können.“ Die Lehrer der Steppkes ihrerseits erhalten von den Betreuern eine Lerndokumentation. So bekommen sie einen Überblick über das von den Kindern in ihren freiwilligen Extra-Einsätzen Erarbeitete.

Das Angebot der Stadt Ibbenbüren und ihrer Schulen ist für die Eltern kostenlos – was das Pensum angeht, für die Kinder aber nicht von Pappe. Sechs Zeitstunden sind an den Lerntagen verpflichtend. „Faktisch kommt man an jedem der Tage auf einen Lernanteil von vier bis viereinhalb Stunden – das ist viel“, rechnet Maria Kruse vor. Natürlich gibt es zwischendurch Pausen. Und ein Mittagessen. Weil der, der extra ranklotzen soll, wenn andere nicht zur Schule müssen, auch extra Kräfte braucht.