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Datum: 03.04.2020

Auf Streife mit den städtischen Kontrolleuren

Eindämmung der Corona-Virusverbreitung / „Aus der Situation heraus abarbeiten“

Streife mit den städtischen Kontrolleuren
Ein Auge auf vieles: Überall in Ibbenbüren sind aktuell Kontrolleure des städtischen Fachdienstes Recht und Ordnung unterwegs. Sie leisten ihren Beitrag zu mehr Sicherheit in Zeiten von Corona. (Foto: Stadt Ibbenbüren / André Hagel)

Ibbenbüren, 3. April 2020. Einkaufen in Zeiten von Corona: Das sind nicht zuletzt bislang unbekannte, riesige Selfmade-Hinweisschilder an den Eingängen von Supermärkten. Was geht? Und was geht nicht? Wie verhält man sich in den Regalreihen korrekt im Sinne der Sicherheitsvorkehrungen? Und warum sind Hamsterkäufe überhaupt nicht angesagt?

Ines Bischoff und Nadine Prohart kennen diese Schilder schon. Sie sehen sie tagtäglich. Trotzdem werfen sie in diesem Fall einen prüfenden Blick darauf. Sehr viel Text, alles sehr ausführlich beschrieben, finden beide. Vielleicht zu ausführlich, so ihr Gedanke. Es dauert lange, bis man, den Zeilen folgend, den akribisch formulierten Sammelhinweis aufgenommen hat. Eine ältere Frau passiert die Megatexttafel achtlos, nimmt auch keinen Einkaufswagen mit in den Supermarkt. Dazu wird sie auf dem Riesenschild unter anderem aufgefordert, damit im Zeichen des Infektionsschutzes nur so viele Kunden sich im Gebäude aufhalten, wie Wagen vorhanden sind. Für Prohart und Bischoff eine Bestätigung: Als unübersichtliche Buchstabenwüste wird die Hinweistafel nicht ausreichend wahrgenommen. „Das kann man mit Symbolen bestimmt klarer und auffälliger gestalten. Halten Sie es einfach – dann wirkt es so, wie Sie es sich wünschen. Und stellen Sie am besten das Schild in der Mitte des Eingangs auf, dann kann man es gar nicht achtlos umgehen“, werden sie später der Marktleiterin empfehlen. Die hat sich bereits selbst gefragt, warum manche Kunden sich noch immer ohne Einkaufswagen im Innern des Marktes einfinden und die Hinweise nicht bei jedem verfangen…

Auf vieles muss geachtet werden

Nadine Prohart und ihre Kollegin Ines Bischoff sind Mitarbeiterinnen des städtischen Fachdienstes Recht und Ordnung. „Ordnungsamt“ prangt in weißen Lettern die unübersehbare Rückenaufschrift auf den dunkelblauen Einsatzmonturen der beiden Frauen. So versteht jeder sofort den Auftrag der beiden Frauen und die Ansage, die im Einzelfall damit verbunden ist. Bischoff und Prohart gehören zu jenen Teams der Stadtverwaltung, welche in diesen Wochen im ganzen Ibbenbürener Stadtgebiet die Einhaltung der Regelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kontrollieren. Seit dem Mittwoch vergangener Woche sind sie unterwegs, auf täglicher Corona-Streife, von Uffeln bis Dörenthe, kreuz und quer, durch alle Ortsteile und in der Innenstadt. Insgesamt 14 Einsatzgruppen hat die Verwaltung auf die Beine gestellt, das Stadtgebiet in acht Kontrollbezirke aufgeteilt – drei innerstädtische, fünf in den Außenbereichen. Der Einsatz der mit Checklisten bewehrten Kontrolleure läuft hochtourig. Weil auf vieles geachtet werden muss. Nicht nur auf die Einhaltung des Kontaktverbotes in der Öffentlichkeit oder darauf, dass Ladenlokale, die geschlossen haben müssen, auch wirklich geschlossen sind. „Aus der Situation heraus abarbeiten“ nennt Nadine Prohart, die bereits in der Sicherheitsbranche gearbeitet hat, das, was gerade Programm ist.

„Ich bin froh, dass Sie kontrollieren“

An diesem Mittag an einem der letzten Märztage ist Proharts und Bischoffs nächste Station ein Lebensmitteldiscounter in einem der Ibbenbürener Ortsteile. Während das Duo nach Betreten zunächst systematisch die Gänge abschreitet und dabei die Augen über die Regal-, Aufsteller- und Thekenlandschaft schweifen lässt, ertönt aus einem unsichtbaren Lautsprecher in der Decke eine Durchsage mit Automatenstimme: „Liebe Kunden! Bitte achten Sie darauf, die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einzuhalten!“ Auf die achten auch die beiden Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes. „Wir gehen jeweils einmal komplett durch die Läden. Das ist wichtig, um von Kunden gesehen zu werden. Den Kontakt mit den Filialleitungen haben wir ja sowieso, die kennen uns schon“, sagt Nadine Prohart. Ihr Auftritt hier ist diesmal nur ein kurzer. Im Gespräch mit der Leiterin des Discounters werden nochmal Details der Infektionsschutzregelungen besprochen. Die junge Frau berichtet von Diskussionen, die sie zuweilen mit Kunden zu Sicherheitsvorkehrungen führen muss. „Ich bin froh, dass Sie herumfahren und kontrollieren, damit alle Kunden begreifen, dass das wichtig ist, was wir tun“, sagt sie in Richtung der Ordnungskräfte. Die beiden wissen, wovon die Frau redet. Auch sie bekommen in ihren Einsätzen, nicht zuletzt von deutlich älteren Semestern, immer wieder uneinsichtige, teilweise flapsige Sprüche zu hören: „Schätzchen, ich habe schon den Zweiten Weltkrieg überlebt – da kann mir Corona nichts mehr anhaben!“ „Das werden dann sehr intensive Diskussionen“, schildern Ines Bischoff und Nadine Prohart. Ihnen ist wichtig, dass auch Leichtfertige den Ernst der Lage begreifen: „Wir machen dann im Zweifelsfall deutlich: Das Recht gilt für alle – auch für Senioren.“

Grenzen des Erlaubten

Im nächsten Geschäft gilt es einen strittigen Fall zum Abschluss zu bringen. Der Händler, dessen Unternehmen nach den geltenden Bestimmungen der Landesregierung regulär geöffnet sein darf, hatte zusätzliche Waren in sein Sortiment mit aufgenommen. Das wiederum sorgte für Unmut bei Fachhändlern, die ihre Ladenlokale per Bestimmung geschlossen halten müssen und nun ebendiese Waren nicht mehr verkaufen können. „Das ist eine ungerechte Wettbewerbsverzerrung“, meldeten die Kritiker an die Stadt Ibbenbüren. Es folgte eine Überprüfung des neue Sortiments und der Rechtslage. So lange die lief, musste der Händler die zusätzliche Warenzone mit Flatterband absperren. Artikel aus dem markierten Bereich zu verkaufen, war tabu. „Wir haben dem Händler angezeigt, die Waren in ihren Anteilen zu korrigieren“, erläutert Nadine Prohart die Sachlage. „60 Prozent zu 40 Prozent – das ist okay. Hält er sich insgesamt an die 40-er-Grenze, darf er die hinzugekommenen Waren verkaufen.“ Der Händler hat der Vorgabe entsprochen. „Wir können ihm heute die Freigabe des zusätzlichen Sortiments mitteilen“, sagt Ines Bischoff, als sie aus dem Einsatzfahrzeug steigt. Sie und ihre Kollegin nutzen die Stippvisite im Unternehmen aber nicht nur zum Überbringen der frohen Botschaft. Die beiden städtischen Mitarbeiterinnen nehmen die Kundenfrequenz in Augenschein, raten der Leitung, angesichts der dichten Bestückung des Verkaufsbereiches die Kundenzahl auf 30 Personen gleichzeitig zu limitieren.

Nicht nur Kontrolle, sondern auch Beratung

Kontrolle und Beratung – mehr als zunächst zu vermuten, ist Letzteres ein großer Aspekt der Tätigkeit des Ordnungsduos und seiner Kollegen auf den anderen Touren durch Ibbenbüren. In der ersten Phase, als es noch schwerpunktmäßig darum ging, Geschäftsschließungen durchzusetzen und wichtige Infos an Gastronomen weiterzugeben, stand so mancher Einzelhändler ratlos vor der Notwendigkeit, den Schlüssel umzudrehen. „Wir haben in solchen Fällen auf die Alternative des Onlineverkaufs hingewiesen, zur wirtschaftlichen Schadensbegrenzung, Tipps hierzu gegeben“, legt Nadine Prohart dar. So mancher Ladeninhaber, der sich bis dato mit diesem wichtigen Thema nicht auseinandergesetzt hatte, griff den Ratschlag dankbar auf, machte sich an die Umsetzung – weil nun kein Weg mehr daran vorbeiführte und ermutigt durch den Anstoß der Kontrolleurinnen.

Die Einsicht in Notwendiges und Unvermeidbares ist derweil nicht jedem gegeben. Diese Erfahrung machen Ines Bischoff und Nadine Prohart auf einer ihrer weiteren Stationen an diesem Tag: Der Inhaber eines in einem Wohngebiet gelegenen Fachgeschäftes, das geschlossen worden war, weil es unter die Sperrverordnungen fiel, hat eigenmächtig wieder eröffnet – mit der Begründung, jetzt ja auch Tierfutter im Sortiment zu führen. Zu sehen ist davon allerdings wenig. Die elektrische Schwingtür des Ladens ist innen mit einer provisorischen Verkaufstheke versperrt. Hierüber läuft offenbar der Verkauf. „Hier kommt keiner rein. So machen es Wettbewerber auch“, sagt der Mann herausfordernd – und verweist sicherheitshalber darauf, offizielle Informationen zur Korrektheit seines Handelns erhalten zu haben. Allein, die Quelle der vermeintlich sicheren Kenntnis kann er nicht benennen. Die beiden Frauen für Recht und Ordnung sondieren die Situation: Dieser Fall liegt ziemlich klar. Kurze Zeit später ist das Ladenlokal wieder gesperrt. Und es wird gesperrt bleiben.

Faktencheck: Abzählen mit Einkaufswagen

Aktuell treffen mitunter Anrufe wie dieser bei der Stadt Ibbenbüren ein: „Warum schreibt die Stadt jetzt den Menschen vor, nur noch mit einem Einkaufswagen in den Supermarkt gehen zu dürfen?“ Mittlerweile ist es zu einem populären Gerücht geworden, die Stadt Ibbenbüren habe im Zuge der Corona-Krise angeordnet, dass örtliche Supermärkte nur noch mit einem Einkaufswagen betreten werden dürfen.

Allerdings, dass die Stadtverwaltung dies angeordnet habe, ist und bleibt ein Gerücht, nicht mehr. Tatsache ist: „Die Läden sind verpflichtet, eine Regelung zur Kundensteuerung zu treffen und umzusetzen. Viele haben von der Einkaufswagenmöglichkeit Gebrauch gemacht, andere haben sich etwas anderes überlegt“, erklärt Brigitte Janz, Leiterin des städtischen Fachdienstes Recht und Ordnung. Die Kontrolleure der Stadt prüfen ihrerseits nur, ob das jeweils gewählte Mittel effektiv ist.

Bei Super- oder auch Baumärkten liegt der Rückgriff auf die Einkaufswagen nah: Sie sind bereits vorhanden, lassen sich passend kontingentieren, und gut sichtbar sind sie auch, was wiederum die Kontrolle für das Ladenpersonal erleichtert. Zudem sorgen die Gefährte schon durch ihre Maße für einen Grundabstand, etwa zum Vordermann in den Regalgängen. Auch dies ist ein Beitrag zu mehr Sicherheit.

Mit dem Einkaufswagen die Kundenfrequenz in Lebensmittelläden zu steuern und damit die Sicherheit zu erhöhen, hat sich übrigens auch in Supermärkten anderer Städte durchgesetzt. Das spricht dafür, dass dieses Mittel gut handhabbar – und wirksam ist.